Interview: Ganzheitliche Bildung mit Gemeinschaftsgefühl

Gute Internate mit hohem Qualitätsanspruch, die sich kontinuierlich weiterentwickeln werden auch künftig gefragt sein.
Brigitta Wenninger
15/4/2026 21:44
-
6
Minuten Lesezeit

Internate sind Orte, über die seit jeher viele Klischees kursieren – die Bandbreite reicht vom Zufluchtsort für Problemkinder bis zur abgeschotteten Parallelwelt. Mit der Realität hat das nichts zu tun. Internate sind heute vor allem auch eine zeitgemäße Antwort auf gesellschaftliche Veränderungen: Wenn Eltern wenig Zeit haben, Vereine fehlen und Jugendliche im Digitalen versinken, entstehen im Internat Gemeinschaft, Zugehörigkeit und echte Zukunftschancen. Bildung wird dort ganzheitlich verstanden – mit Raum nicht nur fürs Lernen, sondern auch für Sport, Kunst und Persönlichkeitsentwicklung. Warum das so ist, erklärt der Vorsitzende der Internate Vereinigung, Rüdiger Häusler, im Interview.

Herr Häusler, welches Bild hatten Sie von Internaten, als Sie ein Schüler waren?
Tatsächlich war das für mich damals kein so großes Thema. Ich kannte Internate nur aus diversen Büchern, beispielsweise die Jugendbuchreihe „Hanni und Nanni“ oder „Schloss Schreckenstein“. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die Lebensbedingungen früher anders waren. Wir kamen nach der Schule nach Hause und das Essen, zubereitet durch meine Mutter, stand auf dem Tisch. Anschließend haben wir den ganzen Nachmittag auf der Straße oder in der Natur gespielt und sind mit dem Fahrrad in den Sportverein gefahren. Heute ist das anders. Straßen sind zugeparkt, in den Vereinen fehlen ehrenamtliche Mitarbeiter und viele Eltern sind doppelt berufstätig. Internate können exakt vor diesem Hintergrund eine große Chance sein.

Können Internate Lösungen für Probleme bieten, die durch den Wandel entstehen?
Internate sind zeitgemäßer denn je. Unsere Gesellschaft ist zunehmend individualistisch geprägt. Sportvereine haben weniger Kapazitäten, Eltern oft kaum Zeit, der Alltag ist stressig. Eine Folge ist, dass Kinder und Jugendliche sich in die digitale Welt zurückziehen und oft allein bleiben. Internate sind dann eine wunderbare Lösung. Eines der stärksten Argumente für Internate ist das Thema Zugehörigkeit. Psychologen sprechen von „Belonging“. Genau das bieten Internate: Zugehörigkeit und die Einbettung in eine Gemeinschaft. Der erlebte Zusammenhalt von Jugendlichen ist meines Erachtens einer der wichtigsten Faktoren für eine glückliche Jugend und damit auch Grundvoraussetzung für ein freudvolles und gleichzeitig erfolgreiches Lernen und akademisches Arbeiten. Genau das ist es, was wir unseren Kindern eigentlich mit auf den Weg geben wollen und was sich auch die meisten Eltern für ihren Nachwuchs wünschen. Außerdem lässt sich die gemeinsame Zeit an den Wochenenden mit der Familie häufig besser gestalten, wenn ein Kind unter der Woche auf dem Internat ist.

Können Internate auch den Umgang mit sozialen Medien und digitalen Geräten besser gestalten?
Ja. Internate können das effektiver steuern als Eltern. Das sage ich auch als Vater. Als Leiter eines Internats fällt es mir wesentlich leichter, rigorose Smartphone-Regeln durchzusetzen, als bei mir zu Hause. Gleichzeitig können wir uns im Internat viel stärker auf das wirklich Wichtige konzentrieren: auf gute alternative Angebote. Viel wirksamer als Verbote wirkt das Gefühl, draußen etwas Wichtiges in der Peergroup zu verpassen. Wir haben zum Beispiel auf unserem Campus einen Bolzplatz, auf dem schon um 7.30 Uhr selbstorganisiert von den jüngeren Schülern gekickt wird – also noch vor der Schule. So etwas kommt leider in der Lebenswelt vieler anderer Kinder und Jugendlicher überhaupt nicht mehr vor. Daher freue ich mich über jede analoge Erfahrung bei Kindern – und die bieten wir zuhauf. Und gleichzeitig natürlich eine erstklassige technische Ausstattung für eine zielgerichtete Anwendung von Digitalität.

Was zeichnet Internate heute sonst noch besonders aus?
Die Traditionsschulen, die heute noch existieren, also die bekannten Namen in der Internatslandschaft, sind Schulen, die es über viele Jahrzehnte hinweg immer wieder geschafft haben, sich aktuellen Bedürfnissen anzupassen. Die Grundhaltung solcher Schulen ist es, Bildung immer wieder besser und anders zu machen als Regelschulen. Die Institutionen, für die ich als Vorstand der Internate Vereinigung spreche, sind alle gemeinnützig. Es geht dort nicht um Profit. Es wird von vielen Pädagogen in hohem Maße idealistisch und engagiert gearbeitet. Aber Internate operieren auch am freien Bildungsmarkt und haben den unmittelbaren Druck, ihren Bildungsauftrag auszuführen und ihr Bildungsversprechen einzulösen: Wir tragen Sorge für jedes einzelne Kind. Dass das gut gelingt, hat sich auch in der Corona-Zeit deutlich gezeigt. Internate konnten dort stark überzeugen. Sie haben vom ersten Tag der Pandemie an Lösungen präsentiert und dafür gesorgt, dass keine einzige Unterrichtsstunde ausfällt und die Schülerinnen und Schüler trotz der schwierigen Situation nichts verpassen.

Können Internate die Zukunftschancen junger Menschen verbessern?
Ganz wichtig ist in Internaten der klassische ganzheitliche Blick auf junge Menschen. Sie werden nicht nur im jeweiligen Fach, sondern übergreifend betrachtet. In einem ganzheitlichen Kontext lässt sich leichter herausfinden, welche Stärken und Schwächen Schülerinnen und Schüler haben. Wer zum Beispiel auf der Theaterbühne, in der Musik oder beim Sport gut performt, bekommt dafür viel Wertschätzung und entwickelt Leidenschaften, die ihn ein Leben lang tragen können. Damit sind wir wieder beim Thema Zugehörigkeit: Wenn ich mich angenommen, erkannt und gesehen fühle, dann bin ich auch bereit, an meinen vermeintlichen Schwächen zu arbeiten. Wir haben die Definition von Schule als zweite Heimat. Man könnte auch von einer Wertegemeinschaft sprechen. Das umfasst auch unsere sehr aktive Altschülerschaft und das damit verbundene inspirierende Netzwerk. Sie glauben gar nicht, welche Wirkung die Worte eines Altschülers auf einen jungen Schüler haben können. Das bedeutet allerdings nicht, dass man Kinder in Internaten einfach „abgeben“ kann. Diese Vorstellung ist völlig unzutreffend und veraltet. Internate sind kein Allheilmittel, sondern verstehen sich als Institutionen, die eng mit den Eltern kooperieren.

Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz in Internaten?
Viele sagen, dass unsere Zukunft vor allem in der Herzensbildung liegt. Denn wenn wir kein Werteverständnis, keine ethisch-moralische Haltung haben, wer soll dann mit KI-Programmen arbeiten und sie verantwortungsvoll einsetzen? Natürlich wird uns die KI zukünftig vieles abnehmen. Was es aber ebenfalls braucht, ist eine klare Haltung und die erforderlichen Kompetenzen. Entsprechend sagen viele renommierte Bildungsforscher auch, dass die wichtigsten Fächer in Zukunft eher Musik, Kunst, Sport und Theater sein werden. Genau das sind auch die Königsdisziplinen ganzheitlicher und damit nachhaltiger Bildung. Ihre Inhalte sind projektorientiert, handlungsorientiert und damit in hohem Maß kompetenzorientiert. Genau das hat in Internaten große Tradition. Kompetenzentwicklung ist unsere Kernkompetenz, und die reflektierte Anwendung von KI ist in vielen unserer Mitgliedsschulen bereits gelebte Praxis.

Sie haben aber dennoch mit den gleichen Strukturen des Bildungssystems zu tun wie alle Schulen.
Exakt. Wir haben die gleichen Lehrpläne. Aber wir haben auch mehr Freiheiten. Das beginnt zum Beispiel bei kleineren Klassen und einer anderen Stundenstruktur. In vielen Internaten wird in Doppelstunden unterrichtet, oft in offenen Unterrichtsformen. Hausaufgabenzeiten sind integriert, und wir können uns stärker an der Lebenswelt und am Biorhythmus junger Menschen orientieren. Wir werden zum Beispiel zunehmend von Schülerinnen und Schülern gefragt, ob wir bestimmte Räumlichkeiten auch in den Ferien öffnen können. Das ist an einer Regelschule kaum vorstellbar.

Sind Internate für jedes Kind geeignet?
Jedes Kind kann – je nach Zeitpunkt – von einem guten Internat profitieren. Schon für jüngere Kinder im Alter zwischen zehn und zwölf Jahren kann ein Internat die optimale Lösung sein, zum Beispiel auch, weil kleinere Geschwister sich zu Hause besser entwickeln können. Wichtig ist eine Einrichtung mit einem überzeugenden Konzept für diese Altersgruppe. Auch Jugendliche mit schwächeren Leistungen profitieren häufig, wenn sie zuvor vor allem Kritik erfahren haben. In einem Umfeld, das ihre Stärken betont, lassen sich durch gezielte Förderung und Motivation große Fortschritte erzielen. Auch ältere Schülerinnen und Schüler profitieren, da sie im Internat Selbstständigkeit entwickeln und lernen, Probleme eigenständig zu lösen. Ein gutes Internat mit Internationalität, Austauschprogrammen und vielfältigen Zusatzangeboten bereitet zudem hervorragend auf ein Studium vor. Oft zeigt sich später, dass ehemalige Internatsschüler besonders selbstständig sind.

Auf was sollten Eltern achten, die ein passendes Internat suchen?
Ich rate, mit allen Beteiligten zu sprechen – mit der Leitung, den Betreuern sowie mit Schülerinnen und Schülern. Wichtig ist, die Atmosphäre wahrzunehmen und den Umgang miteinander zu beobachten. Entscheidend ist auch, ob sich die Institution Zeit nimmt. Skepsis ist angebracht, wenn man abgefertigt oder mit Floskeln abgespeist wird. Man sollte konkret nachfragen, wie Leitbild und Ziele umgesetzt werden. Gemeinschaft entsteht nicht von allein. Ebenso sollte man nach Qualitätsmanagement und Schutzkonzept fragen. Und: Ein gutes Internat hat seinen Preis.

Wie sehen Sie die Zukunft der Internate in Deutschland?
Der Wettbewerb ist stärker geworden – durch Ganztagsschulen und internationale Angebote. Aber gute Internate mit hohem Qualitätsanspruch, die sich kontinuierlich weiterentwickeln und am Puls der Zeit bleiben, werden auch künftig gefragt sein.

Weitere Artikel

Beliebte Internate in Ihrer Umgebung
Jetzt Internate ansehen