Kaum ein Bildungssegment in Europa hat in den letzten 18 Monaten einen derart tiefgreifenden politischen und wirtschaftlichen Einschnitt erlebt wie die englischen Independent Schools und darunter insbesondere die traditionsreichen Internate. Mit der Einführung der Mehrwertsteuer auf Schulgebühren zum 1. Januar 2025 und dem Wegfall der Gewerbesteuerbefreiung(„business rates relief") zum 1. April 2025 hat die Labour-Regierung zwei zentrale Wahlversprechen umgesetzt; mit Folgen, die weit über die reine Fiskalpolitik hinausreichen: Schulschließungen, sinkende Schülerzahlen und ein Rückgang der Nachfrage aus dem Ausland prägen seither die Diskussion in Verbänden, Schulen und unter Eltern.
Seit dem 1. Januar 2025 unterliegen Schulgeld und internatsbezogene Leistungen im Vereinigten Königreich dem regulären Mehrwertsteuersatz von 20 Prozent, nachdem private Bildungsleistungen zuvor wie auch in Deutschland vollständig von der Umsatzsteuer befreit waren. Die Regierung begründete diesen radikalen Schritt mit dem Ziel, aus den Einnahmen zusätzliche Lehrkräfte in staatlichen Schulen einzustellen.
Um den ohne Anpassungen resultierenden enormen Gebührensprung, der ohne Reaktion der boarding schools mitten im Schuljahr von einem Trimester zum nächsten Trimester 20% betragen hätte, abzufedern, senkten zwei Drittel aller Schulen (584 von rund 900 erfassten Einrichtungen) im Januar 2025 zunächst ihre Nettogebühren und gaben Bestandskunden zudem Umstellungsnachlässe. Dieser aus Rücklagen zu finanzierende „Einführungspuffer" im Sinne der Familien dürfte sich jedoch zunehmend abschmelzen, da die bei ca,2,5% liegende Inflation über die Kosten von Personal, Energie, Instandhaltung historischer Gebäude auch die Kosten eines Internatsbetriebs erhöht.
Neben der Mehrwertsteuer traf die Schulen ein zweiter, in der öffentlichen Debatte oft unterschätzter Eingriff: der Entzug der sogenannten „charitable rate relief" – der britischen Entsprechung einer Gewerbesteuerbefreiung für gemeinnützige Einrichtungen. Rund die Hälfte der englischen Privatschulen besitzt Wohltätigkeitsstatus und genoss dadurch bislang eine Ermäßigung von bis zu 80 Prozent auf die kommunale Steuer für ihre Grundstücke. Diese Vergünstigung entfiel zum 1. April 2025 vollständig, mit Ausnahme von Schulen, die überwiegend Kinder mit einem „Education, Health and Care Plan", also besonderem Förderbedarf, unterrichten.
Nach Berechnungen von Steuerberatern bedeutete dies für das Schuljahr 2025/26 durchschnittliche Mehrkosten von rund 308 Pfund pro Schüler und Jahr, in Summe bis zu 374.000 Pfund zusätzliche Kosten pro Schule und Jahr. Da Internate aufgrund ihrer ausgedehnten Campusflächen, Sportanlagen und Wohnheime besonders große und wertvolle Immobilien unterhalten, trifft sie dieser Steuereffektüberproportional stark.
Beide Maßnahmen wirken nicht isoliert, sondern addieren sich zu weiteren Kostensteigerungen, die die Schulen abdecken müssen: höhere Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung (National Insurance), ein gestiegener gesetzlicher Mindestlohn in den Bereichen Küche und Reinigung sowie für am Lehrerversorgungswerk „Teachers' Pension Scheme" teilnehmende Schulen ein auf 28,6 Prozent gestiegener Arbeitgeberbeitragssatz. Die Fachpublikation School Management Plus beziffert die kumulierte Kostensteigerung für den Sektor über drei Jahre auf rund 35 Prozent.
Der Branchenverband Independent Schools Council (ISC), der rund 1.400 Schulen vertritt, hat wiederholt vor den Folgen gewarnt. ISC-Geschäftsführerin Julie Robinson erklärte im Juni 2025, die neuesten Schülerzahlen zeigten einen Rückgang, der „nicht allein durch demografische Effekte erklärt werden" könne, und stellte damit die Einnahmeschätzungen der Regierung infrage. Denn bereits im Vorfeld der Einführung hatte die ISC dokumentiert, dass rund 8.500 Kinder die Schulen vor Januar 2025 verlassen mussten oder gar nicht erst eingeschult worden seien, ein Rückgang der Schülerzahl, der fast viermal höher war als von der Regierung angenommen. Dadurch konnten die Steuereinnahmeschätzungen der Regierung nicht erreicht werden.
Besonders empfindlich reagiert das für britische Internate traditionell wichtige Auslandsgeschäft. Der ISC-Census vom Januar 2026 weist für die teilnehmenden 1.455 Schulen einen Rückgang der internationalen Schülerzahl auf 57.200 aus, allein für die Internatsschulen ein Minus von 8 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Unter den Herkunftsländern verzeichnete Festlandchina mit 5.580 Schülern ein Minus von 11 Prozent, gefolgt von Hongkong mit einem ebenfalls deutlichen Rückgang auf 3.620. Deutschland liegt mit 1.960 Schülern auf Platz drei.
Die in Politik und Gesellschaft geführte Debatte wird durch Schulschließungen für Familien sehr greifbar. Bekannt wurde u.a. der Fall des Mount St Mary's College und der angeschlossenen Vorbereitungsschule Barlborough Hall, einem traditionsreichen Jesuiten-Internat. Nach Erhebungen des Fachmagazins School Management Plus haben 2025 landesweit 65 unabhängige Schulen dauerhaft geschlossen: Internetrecherchen zeigen das Ausmaß dieser Entwicklung.
Bereits die erste nach der Steuerreform erhobene Vollerhebung bestätigt den Trend auf Ebene des Gesamtsektors: Der ISC-Census 2025 verzeichnete am Stichtag 4,0 Prozent weniger Internatsschüler als im Vorjahr, ein signifikanter Rückgang innerhalb eines Jahres, wenn man bedenkt, dass Familien üblicherweise eine Schulentscheidung bis zum geplanten Abschluss verfolgen, der Rückgang also in den Jahrgängen, in denen üblicherweise Schüler neu ins Internat aufgenommen werden, deutlich höher ist.
Der Immobiliendienstleister Christie & Co geht in seinem „Business Outlook 2026" davon aus, dass der Sektor nach den harten Jahren 2025 und 2026 in eine Phase der Konsolidierung eintritt: mit weniger Schließungen, Zusammenfassung von Standorten, Immobilienverkäufen zur Liquiditätsbeschaffung und der Suche nach neuen Einnahmequellen jenseits des klassischen Schulgelds. Diese leicht positive Prognose teilt der Autor nicht: Der beschriebene Rückgang der Aufnahmezahlen wird sich in den kommenden Schuljahren weiter durch die Jahrgänge "nach oben arbeiten" und die (teilweise) Übernahme der Mehrwertsteuer durch die Einrichtungen kann nur dann über Jahre beibehalten werden, wenn verwertbare Vermögen in sieben- bis achtstelligem GBP-Umfang vorhanden sind. Das wird nur bei wenigen Schulen der Fall sein, so dass sich eine Marktkonsolidierung abzeichnet, bei der die überlebenden Schulen ihre Schülerzahlen konstant halten können durch die Übernahmen von Schülerkontingenten aus schließenden Häusern.
Diese Entwicklung ist bereits in vollem Gange: School Management Plus zählt seit Januar 2025 rund 105 Einrichtungen, die ihren eigenständigen Betrieb eingestellt haben oder in Schulgruppen aufgegangen sind; etwa 15 Prozent der zunächst drohenden Schließungen des Jahres 2025 konnten durch strategische Zusammenschlüsse noch abgewendet werden. Das Modell der eigenständigen Einzelschule mit eigener Verwaltung gilt zunehmend als überholt; an seine Stelle treten Schulgruppen mit zentralisierter Personal-, Finanz- und Beschaffungsfunktion, die Skaleneffekte heben können.
Die britische Internatslandschaft wird sich damit voraussichtlich weiter polarisieren: auf der einen Seite wachsende, konsolidierte Schulgruppen und global bekannte Marken mit stabiler Auslandsnachfrage und sehr guter Kapitalbasis, auf der anderen Seite ein schrumpfendes Segment mittelständischer Internate mit geringen Rücklagen und begrenzter internationaler Marke, das durch Fusionen, Immobilienverwertung oder Schließung aus dem Markt ausscheidet. Es ist die Aufgabe interessierter Familien und ihrer Berater, bei ihrer Auswahlentscheidung Schulen aus der ersten Gruppe zu identifizieren, um nicht kurz vor der Abreise von einer Schließung überrascht zu werden. Alternativ kann auch ein vergleichender Blick in deutsche Internate interessant sein, denn durch die hierzulande fortbestehende Steuerbefreiungen können diese c.p. bei einer identischen Kostenstruktur die gleichen Leistungen um über 20% günstiger anbieten.